Aug 20, 2018 22:23:30
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Jutta Scheiner

* 1973 Hermannstadt/Rumänien
seit 2011start your art-Künstler
Ausbildung
1997 - 2004Studium Bildhauerei, Kunsthochschule Berlin-Weißensee
2002Arbeitsstipendium des Rotary Clubs Berlin
1994 - 1997Ausbildung zur Elfenbeinschnitzerin, Michelstadt / Odenwald
Ausstellungen und Projekte
2014Moonshiner, Staatsgalerie Prenzlauer Berg, Berlin (Einzelausstellung)
2014Cadavre Exquis & kollektive Einzelnachweise, Kollagen, Staatsgalerie Prenzlauer Berg, Berlin
2013"Knopfgeflüster", Frankfurt a.M./Bergen-Enkheim (Einzelausstellung)
2012"Far Left Lane & The Barbers", Berlin
2011"a.D.",Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin
2011"Leistungsschau", Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin
2011Berlin-Avantgarde, Berlin
2010Die Fähre, Bingen
2009"Zeigen", Temporäre Kunsthalle, Berlin
2008PREVIEW, LARMgalleri, Berlin
2007"silence of thought", LARMgalleri, Kopenhagen,Dänemark (Einzelausstellung)
2007"deleted scenes", Schmidt Galerie, Berlin (Einzelausstellung)
2007"ego states",LARMgalleri, Kopenhagen, Dänemark
2007ART AMSTERDAM, Schmidt Galerie, Amsterdam, Niederlande
2006"arbeiten auf Papier", Galerie Pankow, Berlin
2006KUNST 06 ZÜRICH, Schmidt Galerie, Schweiz
2005"material morld", Schmidt Galerie, Berlin
2005"synchron berlin - synkron københavn", LARMgalleri, Kopenhagen, Dänemark
2005"re-arranging", Schmidt Galerie, Berlin (Einzelausstellung)
2004"Der Künstler als Image Maker", Galerie Ostpol, Berlin (Einzelausstellung)
Persönliches Statement

Anmutige Abgründe - Die Malerin Jutta Scheiner

Vexierbilder der Weiblichkeit. Als solche könnte man den Großteil der Arbeiten Jutta Scheiners bezeichnen. In ihrem Werk finden sich blumige Höllen, Helden der Selbstverleugnung, Opfer der Unausweichlichkeit. Wie Mozart drückt Scheiner das Schreckliche schön aus; Schlimmes gibt es - aber mancher kann es mit Haltung fassen. Mal könnte die Scheiner ?sche Bildbotschaft lauten: "Ich gehe an widrigen Umständen zugrunde, aber trotzdem habe ich meine Schuhe noch geputzt". Oder ein andermal sagt ein Bild: "Ich drücke mich aus, um mich zu verstehen" (und man denkt unwillkürlich an Kleists Essay: "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden"). Die Arbeiten lassen sich erfreulicherweise weder in Schubladen zwängen noch durch selbige zähmen. Genauso wenig wie die dargestellten Charaktere, die sich in jedem Augenblick und fernab gängiger Vorstellungen darüber was Frau ist oder zu sein scheint, neu erfinden.
Das Bild „Mädchen mit Ähre“ (2011) stellt einen Frauenkopf mit blondem Zopf dar. Diese Gestalt mit durchdringendem Blick und rätselhaft gespitztem Mund, zeigt dem Betrachter die perlmutterne Schulter, die das Oberteil ihres prachtvollen Kleides krönt. Sie ist eine Knopfcollage. Das Einzige an ihr, das nicht aus Knopf besteht, ist ihr Zopf – unerwartet wie die zufällige Begegnung einer Weizenähre und einer Knopfschachtel an einem Spätsommerabend. Ähre und Knopf befinden sich in diskreter Nachbarschaft zueinander. Die Materialien scheinen sich nicht bewusst, Teile ein und desselben Portraits zu sein. Das Bild, das sich im Auge des Betrachters zusammensetzt weiß jedoch mehr. Denn es ahnt, dass aus der Wesenheit dieser schönen Frau, die Geschichte einer geheimnisvollen Liebe zu ihm spricht.
Beängstigend dagegen wirkt ein anderes Frauenportrait. Man könnte es als das schwarze Knopfbild-Gegenstück zum „Mädchen mit Ähre“ interpretieren. Wie verbrannt wirkt das Gesicht der Dame mit dem Titel „Schwarze Büste“ (2009). Statt Augen und Mund klafft das Weiß des Bilduntergrundes unter einem Konglomerat schwarzer Knöpfe hervor. Nach unten setzt sich die Gestalt in die angedeutete Zeichnung eines Schnittmusters fort. Die Assoziation "Es ist ein Schnitter, der heißt Tod" liegt auf der Zunge. Die beiden Bilder erinnern zusammengenommen an Celans "Todesfuge" ("Dein goldenes Haar Margarete; Dein aschenes Haar Sulamith"). Die Blonde – im Vergleich zur schwarzen Büste – geheimnisumwittert bedrohlich, und die verbrannt Wirkende als ein Bild des Verlusts all dessen, was einem Menschen natürlicherweise zusteht.
Ein anderes Frauenpaar ist auf dem Bild „Frau mit Maske“ (2011) vereint: eine weiblicheRiesengestalt, die in ihren blaubehandschuhten Händen ein zierliches zwergenhaft kleines Frauenzimmer hält. Die Riesin, das fällt sofort als zentrales Bildmoment auf, trägt eine Brille mit einem langen Schnabel daran, vergleichbar etwa den berühmten Pestarztmasken aus Venedig. Auf den zweiten Blick merkt man: die Riesin wirkt hilflos, die Zwergin kraftvoll und energisch. Die Machtverhältnisse scheinen umgekehrt proportional zur Körpergröße. So wird denn die Schnabelmaske der Riesin auch von der Zwergin gehalten; die Zwergin bekleidet, maskiert und definiert die Riesin durch ihren Aktivismus. Friedvoll und in ihrer naiven Art dennoch weise wirkend, scheint hingegen die Riesin in sich zu ruhen – eine weiße Taube, Sinnbild des Heiligen Geistes und der Sanftmut sitzt auf ihrer Schulter.
In harmonischem Disput scheinen die beiden Frauengestalten seit Anbeginn der Zeit miteinander zu ringen. Ist die Zwergin ein weiblicher Pygmalion, eine Künstlerin, und die Riesin ihre Galatea, ihr willenloses Produkt, ihre Kunstfigur? Aber wie käme die Riesin dann zu dem Heiligen Geist, zu der Taube? Oder wäre die Riesin eine Verkörperung der Kunst, die ihren Schöpfer zu beseelen vermag?
In Jutta Scheiners Bildern nehmen die dargestellten Charaktere stets eine Haltung gegenüber ihrer materiellen Beschaffenheit ein. Die schönen Oberflächen sind mit Rissen und Brüchen aufgeladen. Material und Bildinhalt, Abbildendes und Abgebildetes befinden sich in reflektiertem Dialog zueinander, der das Auge des Betrachters weitet und löst, um sich quasi hinter der Bildoberfläche erneut zu sammeln – an einem Ort, wo Sehen und Sprechen eins werden. Dort in der Tiefe des Werkes, gewährt uns die Künstlerin Einblicke in magisch-fremdartige Welten, in die anmutigen Abgründe der Seele...
Eva Liebendörfer / Tobias Rose, 2011



"Deleted Scenes"- Jutta Scheiner

Irgendwo auf der Computertastatur sitzt für gewöhnlich die Delete-Taste. Per Knopfdruck lassen sich unliebsame Informationen tilgen, Fehler ausmerzen, Erinnerungen und Eindrücke stornieren. Im digitalen Zeitalter ist das eine saubere Sache. Eine simple Funktion leistet ganze Arbeit. Nun hat ausgerechnet die Filmindustrie Strategien entwickelt, diesem schnelllebigen "Löschvorgang" etwas entgegenzusetzen. Deleted Scenes beschreibt ein Verfahren, bei dem Szenen, die es aufgrund der Fülle an Daten und Informationen nicht in die Endfassung (eines Filmes) geschafft haben, aufgehoben und - in einer Art Zwischenspeicher - konserviert werden. Das Resultat, der klassiche Bonustrack, entsteht durch Sampling und Montage.

Diese Vorgehensweise hat erstaunlich viel mit den Bildern der 1973 geborenen Jutta Scheiner zu tun. Sie hat sich das Verfahren des Bildsamplings angeeignet, kommt dabei jedoch ohne technische oder digitale Eingriffe aus. Erfinderisch und experimentell lotet sie schon seit Jahren die Möglichkeiten aus, die in dem Medium Malerei stecken. Ohne die Spuren traditioneller, künstlerischer Bildmedien zu leugnen, überwindet sie mühelos jeden Zwang. Immer wieder hat sie die Leinwand gegen Bildträger unterschiedlichen Materials eingetauscht. Hat Gattungsgrenzen gesprengt, montiert und modelliert und dabei unnachahmliches Geschick im Arrangieren des Fiktiven bewiesen.

Nun zeigt die Schmidt Galerie die Künstlerin in ihrer zweiten Einzelausstellung. Auch mit ihren neusten Arbeiten bricht Jutta Scheiner nicht mit der bislang ausgeübten Disziplin. Sie führt fort und experimentiert aufs Neue mit den aufgeworfenen Überlegungen früherer Jahre. Und wie bei den Deleted Scenes gibt ihr diese ästhetische Praxis nicht nur die Chance, lieb gewonnene Eindrücke zu bewahren, sondern schafft die Voraussetzung, die Erlebniswirklichkeit aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten und Gegensätze miteinander zu vereinen. Schließlich gilt: nichts erscheint archaischer, rätselhafter und eindrucksvoller als das vermeintlich Vertraute.
Andrea Schmidt, im August 2007



Bildbaustellen -"re-arranging" von Jutta Scheiner in der Schmidt-Galerie

Die erste Spur führt weit zurück. Jutta Scheiners Bilder auf Brocken und Platten aus Styropor erinnern an die herausgebrochenen Fresken aus den Häusern von Pompeji, die vor einigen Jahren auf der Museumsinsel zu sehen waren. Denn so, wie die Bilder dort eigentlich nur herausgelöste Fragmente aus einer bemalten Wand und gestal eten Architektur waren, wirken auch Scheiners Bildobjekte in der Schmidt Galerie wie aus einem größeren Zusammenhang gebrochen. Sie legen es darauf an, weder abgeschlossen zu erscheinen noch aus einem Guss, sondern eher wie Bildbaustellen, die nie fertig werden. Ständig werden schadhafte Stellen geflickt, Neues ergänzt, Altes übermalt, aber ebenso stetig blättern Oberflächen, lassen ältere Schichten sehen, bröckeln die Ränder. Die Motive der Malerei wirken wie geborgen aus verschiedenen Archiven und Katalogen. Da gibt es puppenhafte Figuren, Kitschikonen, romantisierende Zitate der Kunstgeschichte, Models, die vergangene Moden vorführen. Auch die Farben und abstrakten Flächen stammen aus historisch und sozial verschiedenen Paletten. Es gibt die Farben mittelalterlicher Fresken, die Muster von bedruckten Stoffen, die Nachahmung einer gekachelten Wand. So führt die junge Malerin Jutta Scheiner ein ausdrückliches Spiel mit Vorgefundenem auf, das in der Begegnung skurril wirkt und manchmal zu etwas Neuem wird.
Katrin Bettina Müller, 2005